Helden aus der zweiten Reihe

8 06 2010

Kennen Sie den Film “Helden aus der zweiten Reihe?” Falls nicht: In den Film geht es um ein American Football – Team in den USA, dessen Spieler mitten in der entscheidenden Phase der Saison beginnen zu streiken. Aus der Not wird ein Team aus gescheiterten Sportlerexistenzen und Reservisten geboren, das in der Folge mit drei Siegen aus vier Spielen sensationell den Sprung in die Playoffs schafft.

Was bei den sportbegeisterten Film-Fans in Hollywood fantastisch ankam, könnte sich in etwas abgewandelter Version auch in diesem Sommer in Südafrika wiederholen. Es wird definitiv eine WM der Reservisten. Die absoluten Superstars dieser WM wird man vermutlich an einer Hand abzählen können. Positiv daran ist, dass der Verletzungsteufel seinen Groll gleichmäßig verteilte.

Ob Robben, Ballack, Drogba, Ferdinand oder Nani – beinahe jedem Spitzenteam fehlt zumindest ein Leistungsträger. Außerdem zogen es manche Teamchefs vor, fairerweise bereits im Vorhinein auf wichtige Spieler zu verzichten. Unter anderem traf der Zorn der Teamchefs die Herren Totti, Cambiasso, Nasri oder Frings.

“Jetzt freut man sich noch weniger auf die WM, weil so viele tolle Spieler fehlen werden”, meinen einige meiner Kollegen. Dem muss aber nicht so sein. Stars werden bei Großereignissen geboren, und umso mehr etablierte Akteure fehlen, desto größer die Chance, dass ein “Nobody” die Gunst der Stunde nutzen kann. Wer kannte im Jahr1998 einen Michael Owen? Wer wusste 2002, wer El-Hadji Diouf ist? Diese Spieler drückten bei den jeweiligen WM-Endrunden dem Turnier ihren Stempel auf und schafften anschließend den Sprung zu internationalen Top-Vereinen.

In den Folgejahren wurden sie und viele andere zu den “unverzichtbaren” Stars, auf die man sich bei einem großen Turnier so sehr freut.

Wem man diesen Sprung heuer zutraut? Die Liste der Kandidaten ist lange wie nie zuvor. Valbuena, Di Maria, Özil – beinahe jeder Titelaspirant hat einen Rohdiamanten in seinen Reihen. Doch kann ein stark aufspielender Özil einen Michael Ballack wirklich vergessen machen?

Die Antwort: Ja und Nein. Leider (oder Gott sei Dank?) werden einzelne Spieler zwar für ihre eigene Leistung bewertet, damit sie es aber schaffen, den Fans als der überragende Spieler während des Turniers in Erinnerung zu bleiben, wird ein Team benötigt, das von Sieg zu Sieg eilt. So gesehen wird es nur wenige geben, die später in den Sportgazetten dieser Welt als die “Entdeckungen des Turniers” hochgejubelt werden.

Helden aus der zweiten Reihe wird eben nur dann gehuldigt, wenn sie als ganzes Team überzeugen. Davon können auch Weltklasse – Spieler aus Fussball – Enticklungsländern ein Lied singen. Frag nach bei Ryan Giggs oder George Weah, denen es trotz ihres außergewöhnlichen Könnens nie vergönnt war, ein WM – Spiel zu bestreiten.

Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob man nicht lieber in der zweiten Reihe stehend dabei ist, als überhaupt nur zuzusehen. Auch wenn man nicht zu den Helden gehört.





Wie die Paninis

4 06 2010

Unzählige Österreicher befinden sich in diesen Tagen im Sammelfieber. Wie vor jedem großen Fussballturnier hat Panini auch heuer wieder dafür gesorgt, dass Menschen von sechs bis 99 Jahren alles daran setzen, ihr Stickeralbum vollzubekommen. Kaufen, tauschen, borgen, schenken – es gibt viele Wege zur absoluten Panini – Vollkommenheit.

Vielleicht sammelt ja auch der eine oder andere Manager der österreichischen Klubs die Sticker von Rooney, Messi & Co. Auch wenn Alfred Hörtnagl oder Didi Beiersdorfer nicht zu den treuen Panini – Kunden zählen, haben sie eine ähnliche Zielsetzung wie die Sticker – Sammler. Statt einem vollen Heft ist ein schlagkräftiger Kader das Ziel.

Die ersten “Sticker” wurden bereits getauscht, konkret tauschte Beiersdorfer Zarate gegen Alex Zickler ein, den Heli Kraft beim LASK neu begrüßen darf. Hörtnagl ersetzte Boskovic durch Christoph Saurer. Bei den kleinen Bildern wird für gewöhnlich getauscht, beide Seiten sind glücklich über den Neuzuwachs und hoffen auf weitere Tauschgeschäfte.

Bei echten Spielern stellt sich die Situation allerdings etwas anders dar. Im Fall von Christoph Saurer ist die Vergangenheit das Problem. Da wären die riesigen Fußstapfen von Branko Boskovic, der nach seinem Abgang bei Rapid eine große Lücke hinterließ. Die wenigsten unter den Rapidfans trauen dem 24-jährigen vom LASK zu, diese Lücke zu schließen. Doch nicht nur sportlich wird Saurer vom grün-weissen Anhang kritisch beäugt.

Fünf Jahre in der Frank Stronach – Akademie, Nachwuchsspieler bei der Wiener Austria und schließlich 56 Partien für die Austria Amateure machen dem Wiener jetzt das Leben schwer. Dass Saurer auch vier Mal in der Bundesliga für die Violetten spielen durfte, ist für die eingefleischten Rapidler nur die Spitze des Eisbergs.

Gerüchten zufolge soll Saurer außerdem als Jugendlicher einige Male mit dem harten Kern des Austria – Anhangs zu Auswärtspartien gereist und nicht nur die Austria besungen, sondern auch den Erzrivalen aus Hütteldorf beschimpft haben.

Kurz nach seinem Wechsel zu Rapid sprach Saurer davon, dass “Rapid die Nummer 1 in Österreich” sei und er sich auf die besten Fans dieses Landes bereits jetzt freue. Mit solchen Sprüchen kommt man als neuer Spieler normalerweise extrem gut an bei den Ultras und Fan – Hardlinern. Kommt man aber aus der violetten Ecke Wiens, leidet die Glaubwürdigkeit eines Spielers.

Eines scheint sicher zu sein: Ein steiniger Weg steht Saurer in Hütteldorf bevor.

Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Sprechen wir hier über ein Überreagieren der für ihren Hang zum Extremismus bekannten Rapid-Fans, oder über ein Fehlverhalten eines Spielers?

Dass Saurer sich sportlich weiter entwickeln möchte, kann man ihm nicht verübeln. Wenn ein Verein wie Rapid anklopft, muss man mit 24 die Chance am Schopf packen. Vielleicht wäre es aber klüger gewesen, zu seiner violetten Vergangenheit zu stehen und die Fans mit einem anderen Spruch zu überzeugen.

Einem Spieler aufgrund seiner Vergangenheit von Anfang an keine Chance zu geben, scheint allerdings auch nicht der Weisheit letzter Schluss zu sein. Einerseits, weil bei einem Scheitern Saurers Rapid viel Geld beim Fenster hinausgeworfen hätte, andererseits dem Verein ein Spieler mit viel Potential “verloren” geht, wenn die Fans ihn von Anfang an boykottieren.

Ganz egal, wessen Verhalten falsch war: Saurers Einstand hätte kaum schlechter ausfallen können. Reale Spieler sind eben doch keine Paninis.





Feiern Sie Feste im Winter?

31 05 2010

In elf Tagen beginnt sie also wieder. Lange mussten die Fans auf sie warten, nicht weniger lang bereiteten sich die Teams in den Trainingslagern darauf vor. Die Weltmeisterschaft ist ein Ereignis, bei dem die FIFA – Verantwortlichen stets eine Steigerung zur vorherigen Auflage fordern und erwarten.

Nicht nur unter diesem Aspekt stellt die heurige WM in Südafrika eine Ausnahme dar. Sie ist auch die erste, die während des Winters ausgetragen wird. Winter? Ja, richtig gehört, in Südafrika ist aktuell wirklich offiziell Winter. Im Finalort Johannesburg sind auch Schneeschauer in den Monaten zwischen Juni und August nicht unmöglich. Wenn es der Wettergott gut meint mit den Veranstaltern, kann es auch bis zu 23 Grad Celsius geben. Aber wenn nicht, haben die Verantwortlichen ein Problem.

Ein Fussballfest im Schneegestöber? Schwer vorstellbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese WM nicht “die beste aller Zeiten”, wie all ihre Vorgänger wird, ist aber auch aus anderen Gründen relativ hoch. Rund 30.000 Morde im Jahr sprechen eine deutliche Sprache. Die FIFA versucht zu beruhigen, es gebe in den letzten Jahren bereits einen Rückgang an Morden und Körperverletzungen. Verschwiegen wird das Ansteigen der Drogendelikte und Vergewaltigungen. Die Bevölkerung weiß ausserdem, dass Touristen und Fussballfans, die sich eine Reise zur WM leisten (können), nicht ganz mittellos sein können und somit perfekte Raubopfer darstellen.

Auch kulturell könnte das Turnier eine pikante Angelegenheit werden, bereits beim Confed-Cup beschwerten sich Spieler, Betreuer und Fernsehsender über den Lärm der Vuvuzelas, ohne die ein Spiel im Gastgeberland aber undenkbar ist.

Warum die FIFA trotz alledem der Meinung war, es wäre Zeit für die erste WM in Afrika, bleibt ein Rätsel. Auch warum die Wahl ausgerechnet auf Südafrika fiel, wurde nicht näher erörtert. Die Stadien waren nicht vorhanden, sondern mussten neu gebaut werden, genauso wie die Infrastruktur. Auch die anderen oben angesprochenen Probleme waren der FIFA von Anfang an bekannt. Auch der Tochterverein, die UEFA bewies mit der Vergabe der EM 2012 an die Ukraine und Polen keine Weitsicht.

Es stellt sich hierbei die Frage, ob FIFA und UEFA wirklich nach geeigneten Gastgeberländern für Großereignisse suchen, oder aber durch die Auswahl der Veranstalternationen als Entwicklungshelfer in Erscheinung treten möchten. Natürlich soll es auch einem Land am afrikanischen Kontinent  möglich sein, eine WM auszutragen. Dass ein solches Großereignis über Jahre später noch positive Auswirkungen  auf das gesamte Land haben kann, ist bekannt.

Trotzdem könnte die FIFA einen hohen Preis für diesen Kniefall vor Südafrika zahlen: Die weite Anreise und die gesellschaftlichen Probleme schrecken die Fussballfans ab, ihre Mannschaft zum Turnier zu begleiten. Der deutsche Verband jammert, dass die Kartenkontingente immer noch nicht an den Mann gebracht werden konnten. Dass es der FIFA aber schon lange nicht mehr um die Fans der teilnehmenden Länder geht, ist nicht erst seit der Vergabe der WM 2010 bekannt.





Wann beginnt die Zukunft?

28 05 2010

Können Sie sich noch an die Worte von Hans Krankl erinnern, als er sich bei seinem Amtsantritt als Teamchef im Jahr 2002 der Presse stellte? Der einstige Goleador sprach von einem Neuanfang. Man wolle eine Mannschaft für die Zukunft aufbauen und ganz von vorne anfangen. Die EM 2004 komme wohl noch zu früh, aber für die WM 2006 sei man optimistisch.

Wie wir alle wissen, konnten die Endrunden beider Großereignisse nicht erreicht werden. In der Qualifikation für die EM 2004 scheiterte die ÖFB – Auswahl an Tschechien und den Niederlanden, zur WM 2006 fuhr England statt unserem Team.

Nachdem man beim ÖFB das Vorhaben mit Krankl als gescheitert betrachtete, engagierte man Josef Hickersberger, der für die bevorstehende Europameisterschaft, für die man glücklicherweise schon fix qualifiziert war, eine schlagkräftige Truppe zusammenstellen sollte. Auch er sprach von einem Neuanfang und wollte ein “Team für die Zukunft” aufbauen.

Dem logischen Menschenverstand folgend, müsste man nach der Pionierarbeit von Krankl, Hickersberger & Co. nun eigentlich eine gestandene, eingespielte Truppe für die EM – Qualifikation im heurigen Jahr haben. Wie die Aufstellung in den letzten beiden Länderspielen zeigt, ist dies aber nicht der Fall.

Aus dem Spielerkreis von Josef Hickersbergers EM – Team fanden sich vier (!) Spieler in Constaninis Kader gegen Dänemark wieder, für das Duell mit Kroatien wurden sechs EM – Abenteurer einberufen. Eine traurige Bilanz, die zeigt, was im österreichischen Fussball fehlt: Kontinuität.

Wer die Spanier 2008 in Salzburg und Wien bei der EM spielen sah, schwärmte von ihrem perfekten Kurzpassspiel, der guten Abstimmung und der individuellen Klasse der iberischen Kicker. Kein Wunder, sieht man sich an, wie dieses Team über die Jahre gewachsen ist: Fabregas, Silva und Iniesta feierten ihr Debüt in der Seleccion 2006, David Villa und Sergio Ramos 2005. Der immer schon als Supertalent bezeichnete Torres durfte 2003 erstmals internationale Luft schnuppern. Der Linksverteidiger im Finale, Joan Capdevila spielte erstmals 2002 im Nationalteam, stieg aber erst 2006 zum Stammspieler auf. Dazu war mit Ausnahme von marcos Senna (32) kein Spieler des Finalteams älter als 30 oder jünger als 22 Jahre alt.

Eine Generation, die Jahre brauchte, um sich aufeinander abzustimmen und zur Weltklassemannschaft zu reifen. All die Jahre der Entwicklung gab es heftige Kritik von der Presse, bei Großereignissen schied man meist sang- und klanglos aus, Teamtrainer kamen und gingen.

Doch trotz allem blieb ein Stamm erhalten, der den Europameistertitel der Spanier im Jahr 2008 erst möglich machte. Vielleicht sollte sich der ÖFB und seine Protagonisten die Spanier als Vorbild nehmen und nicht ständig versuchen, eine “Mannschaft für die Zukunft” aufzubauen, deren Spieler alle paar Monate wechseln. Wann beginnt diese Zukunft, in der wir dann einmal ein schlagkräftiges Team haben? Wir bauen seit über 10 Jahren eine “Mannschaft für die Zukunft auf”, allein herausgekommen ist noch nichts.

Vielmehr sollte man der aktuell jungen und hoffnungsvollen Generation um Alaba, Dragovic & Co. die Chance geben, sich zu entwickeln, und, was noch viel wichtiger ist, über einen längeren Zeitraum an ihnen festhalten. Auch wenn diese Herren im Jahr 2018 keinen großen Titel holen sollten, wäre das der richtige Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Damit die Zukunft möglichst bald beginnt.





Step by step?

25 05 2010

Was haben David Alaba und Marko Arnautovic gemeinsam? Sieht man sich die beiden Charaktere an, findet man wohl nicht viele Gemeinsamkeiten. Der eine extrovertiert, verspielt und mit dem unübersehbaren Hang zur Arroganz, der Andere ruhig, bescheiden, fast schon ein bisschen schüchtern.

Eine Gemeinsamkeit mehr haben die beiden Jungspunde aber seit letztem Samstag: sie werden von praktisch jedem österreichischen Kicker beneidet. Warum? Weil sie es geschafft haben, mit ihren Klubs ins Finale der Champions League einzuzuziehen. Auch wenn beide nicht im Kader ihrer Teams standen, ist dies ein Erfolg für die Visitenkarte. Auch wenn Arnautovic keine 90 Serie A – Minuten bei Jose Mourinho spielen durfte, hat der 21-jährige den Vorteil, vom Champions League – Sieger zu kommen. Da klopfen andere Verein an, als wenn man in der österreichischen Bundesliga 39 Tore macht. Arnautovic ließ bereits verlautbaren, dass er nicht zurück zu Twente Enschede will, sondern nach Deutschland oder England. Nach einigen Telefonaten zwischen Arnautovic und Wolfsburg – Coach Steve McClaren, seinem alten Trainer, wird ein Wechsel in die VW – Stadt immer wahrsccheinlicher. Von Inter zu Wolfsburg – ein Rückschritt? Wohl eher nicht, denn in Deutschland zu spielen bringt einen jungen Spieler weiter, als in Italien auf der Tribüne zu sitzen.

Apropos Holland: Dort will Arnautovics Manager Rob Groener Aleksandar Dragovic unterbringen. “Ein sofortiger Wechsel zu einem Top – Klub käme zu früh. Alles step by step”, so der Niederländer. Zustimmung gab es für ihn am Montagabend in “Sport und Talk im Hangar 7″ bei “Servus TV” von Andi Herzog und Paul Scharner.

Ebendieser erzählte, dass er sich den Sprung in die Premier League als 22-jähriger nicht vorstellen konnte und deswegen den “Umweg” Norwegen nahm. Durch den Wechsel in den hohen Norden tastete er sich langsam an das hohe Tempo in England heran. Der richtige Zeitpunkt für einen Wechsel ins Ausland wurde in der sehr interessant besetzten Runde (Andi Herzog, Paul Scharner, Uwe Krupp, Konrad Wilczynski, Pierre Littbarksi) über zwei Stunden diskutiert – ein Patentrezept wurde aber auch von den Experten nicht gefunden.

Dass Dragovic aber zuerst bei Alkmaar oder Feyenoord weiter reifen sollte, bevor er einen großen Vertrag unterschreibt, klingt vernünftig. Es liegt aber nicht wirklich an der Liga, in die man wechselt, sondern vielmehr am Verein. Die zwei grundlegenden Dinge, die sich ein Spieler vor einem Wechsel ins Ausland überlegen muss, sind folgende:

1. Gehöre ich in der heimischen Liga zu den Besten und bin in meinem Team eine Führungspersönlichkeit?

2. Habe ich bei meinem neuen Verein realistische Chancen auf genug Einsatzzeit?

Wenn man sich die Wechsel der letzten Jahre ansieht, darf bezweifelt werden, ob sich die betreffenden Spieler diese Dinge überlegt haben. Allerdings findet derzeit ein Umdenken statt, vermutlich auch aufgrund der abschreckenden Beispiele von Jimmy Hoffer oder Stefan Maierhofer.

Deshalb werden die neuen Klubs der Österreicher heuer nicht Inter, Bayern oder Arsenal heißen, sondern viel eher Nürnberg, Sunderland oder Brescia. Was auch nicht falsch ist, denn ein junger Spieler sollte erst bei Nürnberg zum Führungsspieler reifen, bevor er an einen Wechsel zu Bayern oder Schalke denkt. Weil wie muss man laut Scharner eine Karriere planen? “Step by step”…





Die falschen Fragen

21 05 2010

Sprichwörter und Binsenweisheiten werden oft überstrapaziert und höchst inflationär verwendet. Trotzdem sind einige von ihnen wirklich faszinierend: vor Ewigkeiten kreiert, haben einige sogar noch heute Gültigkeit. Mehr noch, einige Volksweisheiten aus früheren Tagen sind heute passender denn je.

Ein Beispiel aus der Bibel zeigt das eindrucksvoll: “Wer völlig frei von Schuld ist, der werfe den ersten Stein.” Soll heißen: Wenn man selbst alles andere als unfehlbar ist, sollte man anderen ihre Fehler nicht in übertriebenem Maße vorwerfen.

Noch wichtiger ist aber die Gewichtung der Vorwürfe. Hier passieren noch heute wahnwitzige Fehler. Ein “schönes” Beispiel dafür ist die österreichische Fussball – Berichterstattung in der letzten Woche. Was ist in dieser Woche passiert?

Der ehemals hoffnungsvolle Nachwuchskicker Besian Idrizaj erlag mit 22 Jahren einem Herzinfarkt. Als Reaktion darauf wurde sowohl beim U21 – Spiel zwischen Österreich und Wales, als auch bei der Begegnung zwischen dem heimischen A – Team und Kroatien eine Trauerminute für den Österreicher mit albanischen Wurzeln abgehalten. Die U21 gewann ihr Spiel glücklich mit 1:0, das A – Team verlor nicht minder glücklich 0:1.

Ein schwerer Tormannfehler bei den Jung-Walisern, ein katastrophales Match gegen Kroatien, das gut und gerne 0:5 enden hätte können. Ausgerechnet der Ex-Rapidler Mate Bilic versetzte dem ÖFB – Team in Minute 86 das K.O. Viele Ereignisse, die sich ideal zu einer Schlagzeile verarbeiten ließen. Diese Gelegnheit ließen sich unsere Medien auch durch die Bank nicht entgehen. Warum auch?

Weil wenige Tage zuvor nicht nur ein hoffnungsvolles Talent, sondern auch ein junger Mensch plötzlich aus dem Leben gerissen wurde. Offiziell wurde Herzversagen als Todesursache bei Besian Idrizaj bestätigt. Keine typische Diagnose für einen 22-jährigen. Idrizaj litt unter einem angeborenen Herzfehler. Obwohl er wiederholt auf dem Rasen zusammenbrach, waren sämtliche Klubärzte der Meinung, dass der Spieler “für Profisport weiterhin geeignet” sei. Lediglich der ehemalige LASK – Arzt Milan Toljan stellte zu Idrizajs LASK – Zeiten eine Rechtsherz-Überlastung fest. Er habe daraus geschlossen, “dass man mit so etwas nicht Profifußball spielen darf”. Warum hielt ihn dann niemand davon ab, weiterhin Profi-Verträge bei Liverpool, Luton Town, Chrystal Palace, Wacker Innsbruck, Swansea und dem FC Eilenburg zu unterzeichnen?

Die Frage drängt sich auf: Wer war schuld am Tod des ehemaligen Liverpool – Spielers?

Ob sich jemals noch jemand den Schuh des Schuldigen anziehen wird, darf vorsichtig bezweifelt werden. “Verdächtige” gibt es en masse, von jedem einzelnen Klubarzt, über die Familie des Spielers bis hin zu Idrizaj selbst. Dass es aber kein Medium in Österreich der Mühe wert fand, dem Rätsel auf den Grund zu gehen, ist eine traurige Tatsache.

Tiefgehendere Recherchen und kritische Fragen gab es in der vergangenen Woche, lediglich der Adressat war der falsche. 99% aller kritischen Fragen im österreichischen Sportjournalismus der letzten Woche waren an Didi Constantini gerichtet.

Ob die Aufstellung nicht für ein Spiel gegen Kroatien zu offensiv gewesen sei, ob er wirklich immer noch ein klare Linie bei seinen Nominierungen habe, warum immer noch kein Fortschritt im Team zu sehen ist, oder warum er gegen Gegner wie Kasachstan in einem Heimspiel auf Konter spielen will.

Zugegeben, jede einzelne dieser Fragen ist durchaus berechtigt und muss gestellt werden. Aber: alles zu seiner Zeit.





Telefongespräche

18 05 2010

Kennen Sie einen österreichischen Legionär, der am Ende dieser Saison den Meisterteller in die Höhe stemmen durfte? Viele gibt es heuer nicht, denen dieses Glück zuteil wurde.

In Deutschland haben es David Alaba und die Bayern geschafft, den Meistertitel und den deutschen Pokal an die Säbener Straße zu holen. Den Münchern könnte sogar das Triple gelingen, wenn Inter Mailand an diesem Samstag im Finale der Champions League geschlagen wird.

Auch Marko Arnautovic darf sich über das nationale Double freuen, viel dazu beigetragen hat er bei Inter aber nicht. Der einzige ÖFB – Legionär, der einen wirklich erheblichen Anteil an einem Meistertitel hat, steht nicht im Teamkader für das Spiel gegen Kroatien: Niklas Hoheneder (23). Der Oberösterreicher erkämpfte sich in dieser Saison einen Stammplatz bei Sparta Prag, absolvierte 21 Spiele in der tschechischen Gambrinus Liga und durfte sich am letzten Spieltag über den Gewinn der Meisterschaft freuen. Der Teamchef, Didi Constantini, gratulierte den meisterlichen Österreichern per Telefon. Auch die Nominierungen für Länderspiele erledigt der Tiroler über Telefongespräche oder SMS. Keinen Anruf vom österreichischen Teamtrainer bekam Turgay Bahadir. Noch nie.

Der Mittelfeldspieler degradierte mit Bursaspor die großen Klubs aus Istanbul und holte sich ebenfalls am letzten Spieltag den Titel in der Türkei. Damit hat Österreich im nächsten Jahr mit Sicherheit wieder einen Spieler in der Champions League!

Wenn da nicht Guus Hiddink wäre. Im Gegensatz zu Didi Constantini hat Hiddink Bahadir nämlich zur Nationalmannschaft eingeladen. Für Österreich nicht gut genug, aber im türkischen Team?

Als David Alaba am 14. Oktober 2009 im Spiel gegen Frankreich als 17-jähriger sein Teamdebüt feierte, erklärte Constantini, dass dies auch deswegen geschehen ist, damit Alaba für kein anderes Land mehr spielberechtigt ist. Doch warum ging der Tiroler bei Bahadir nicht genauso vor?

Den 26-jährigen brachten seine 30 Einsätze in der “SüperLig”, in denen er sieben Tore erzielte, nicht einmal auf die Abrufliste des österreichischen Nationalteams. Der Teamchef muss sich die Frage gefallen lassen, warum dauerhafte Bankangestellte wie Yasin Pehlivan oder Christopher Trimmel dabei sind, ein Stammspieler des türkischen Meisters aber nicht.

In Zukunft wird sich die Frage nach Bahadirs Einberufung nicht mehr stellen, der Spieler selbst sagte bereits in Interviews, dass er sich endgültig für die Türkei entschieden habe. Warum? “Es hat nicht einmal einen Anruf vom ÖFB gegeben, niemand hat mich gefragt, wie es mir geht. Das hätte mir schon gereicht, dann hätte ich mich für Österreich entschieden.”

Es scheiterte also an einem einzigen Anruf. Wirklich schade, dass es der Teamchef nicht der Mühe wert fand, ihn zu tätigen.








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