Die Anklage

23 06 2010

Bei einem (sportlichen) Wettkampf gibt es meist nur einen Gewinner, im Gegenzug aber viele, viele Verlierer. Bei der WM in Südafrika stehen die ersten Loser nach der Vorrunde fest. Neben dem Gastgeber müssen auch Frankreich, Nigeria und Griechenland die Heimreise antreten. Bei den letzten beiden wird sich die Enttäuschung wohl in Grenzen halten, war doch ihr Ausscheiden nach den ersten beiden Spieltagen bereits abzusehen.

Größer ist die Enttäuschung bei der “Bafana Bafana”. Riesig war der Optimismus vor dem Turnier. Man wolle die Gruppenphase überstehen, und dann kann sowieso alles passieren, so der Grundtenor. Trotz allem hat das südafrikanische Team eine tolle Leistung geboten, Mexiko ein Unentschieden abgerungen und die immer noch amtierenden Vizeweltmeister aus Frankreich geschlagen.

Jenes Team, das nur dank eines Handspiels von Thierry Henry erst zur WM reisen durfte, enttäuschte auf allen Ebenen, wobei die sportliche Komponente wohl nur das geringste Übel darstellte. Von astrologischen Gründen bei der Einberufung war zu hören, von Spielerrevolten und Drohungen untereinander.

Jetzt folgt die große Anklage: beschuldigt werden diverse Personen, die für das Abschneiden und das Auftreten der Franzosen in Südafrika verantwortlich sind. Ankläger: Presse und Fans. Hier der Prozessbericht:

Erster Verdächtiger: der französische Verband. Wer seinem Trainer, von dem allgemein bekannt ist, dass der Respekt, den er bei seinen Spielern genießt, endenwollend ist, vor einem so wichtigen Turnier den Boden unter den Füßen wegzieht und seine Ablöse nach dem Turnier als beschlossene Sache verkündet, darf sich über ein schwaches Abschneiden nicht wundern.

Was zum zweiten Angeklagten führt: Raymond Domenech. Gerüchte gab und gibt es genug. Ein kleiner Auszug? Er stelle seine Spieler nach Horoskop auf, lasse sich die Aufstellung von einzelnen Spielern diktieren (Gourcuff soll im zweiten Spiel auf Drängen Riberys nicht gespielt haben). Wieviel von diesen Anschuldigungen stimmt, wird man wohl nie erfahren. Dass Domenech aber nie eine Linie hatte, ist für jeden sichtbar.  Drei verschiedene Kapitäne in drei Spielen (Evra, Diarra, Henry) sprechen eine deutliche Sprache. Auch seine Körpersprache wirkte, als ob ihm diese Mannschaft völlig egal sei. Nach dem Spiel bekannte Monsieur Domenech aber: “Ich habe diese Mannschaft geliebt…” Schon erstaunlich, wie sehr Taten und Gesten doch täuschen können. Oder doch nicht? Die Spitze des Eisbergs war allerdings, dass Domenech (!) den Brief der Spieler vor der Presse verlas, in dem sich das Team gegen eine Ausbootung von Anelka aussprach.

Last, but not least: die Mannschaft. Ein Kapitän, der öffentlich vor dem entscheidenden Gruppenspiel nicht von unbändigem Siegeswillen, sondern von der “Entlarvung des Verräters” spricht, um am nächsten Tag 90 Minuten auf der Bank zu sitzen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich anstatt der Verrätersuche auf Fussball zu konzentrieren. Wie auch immer, so lange elf Freunde am Platz stehen, ist noch nicht alles verloren. Elf Freunde? Im französischen Team wurde es bereits als Erfolg gewertet, wenn Zeugwart und Masseur miteinander auskamen. Grabenkämpfe hier, Auseinandersetzungen da: Ob Gallas gegen Evra oder Ribery gegen Gourcuff – von elf Freunden konnte man als französischer Fan nur träumen. Das Bild der völlig kaputten Mannschaft komplettierte Nicolas Anelka, dem in der Pause im Spiel gegen Mexiko (0:2) völlig die Sicherungen durchbrannten. Ganz nebenbei sei erwähnt, dass die Truppe in Südafrika unter Anderem die Aufgabe gehabt hätte, ihr Land würdig zu vertreten…

Nach kurzer Beratung werden alle Beschuldigten in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der Schaden an den Anklägern ist nicht mehr rückgängig zu machen, Masseverwalter Laurent Blanc wird in Paris bereits jetzt bemitleidet.


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